Die Kunst des Korbflechtens

Die Stadt Lichtenfels in Franken ist als die Korbstadt Deutschlands bekannt. Sie liegt im Schnittpunkt von alten, faszinierenden Natur- und Kulturlandschaften. Die fränkische Schweiz, das Fichtelgebirge, der Frankenwald und Thüringer Wald, die Haßberge und der Steigerwald rahmen die Stadt sanft ein. Die Stadt selber ist voller Historie – genau wie das Handwerk, für das sie so bekannt ist. Das barocke Rathaus, die beiden Tortürme, stattliche Bürgerhäuser, die von der Zeit zeugen, als Lichtenfeld das Zentrum des Flechtwerk-Handels war, unterirdische Gänge und die mittelalterliche Stadtbefestigung prägen das Bild der Altstadt. Vor den Toren liegt das fränkische Dreigestirn, bezeichnend für den sagenumworbenen Staffelberg, das Kloster Ganz und die Basilika Vierzehnheiligen.

Es könnte keine bessere Kulisse geben für ein Handwerk, dass eine so lange Tradition hat und schon seit Urzeiten betrieben wird. In der zweiten Hälfte des 18 Jahrhunderts blühte die Korbmacherei am Obermain auf. Die Einwohner in den übervölkerten Orten rund um Lichtenfeld konnten sich nicht mehr durch die Landwirtschaft allein ernähren. Für viele bot die Korbflechterei eine willkommene, zusätzliche Einnahmequelle, denn Weide war in dieser Gegend ausreichend vorhanden: Die Lage im Maintal und den jährlichen Überschwemmungen des Flusses boten Bedingungen, die ideal für das Wachstum der Pflanzen waren.

100 Jahre später wurde Lichtenfeld zum Mittelpunkt des Korbhandels, nicht zuletzt dank der enstehenden Eisenbahnverbindung. Die handgefertigten Stücke wurden von hier in die ganze Welt verkauft. 1901 verkaufte die oberfränkische Korbindustrie (zusammen mit den Firmen in Sachsen-Coburg) Waren im Wert von 11 Million Mark. Aus Lichtenfeld und Coburg wurden 1912 insgesamt über 3.900 Güterwagons mit Korbwaren auf die Reise geschickt. Heute findet man in Lichtenfeld die einzige Berufsschule in Deutschland, die das Handwerk des Korbflechters lehrt. Auch der jährlich stattfinde Korbmarkt, ein Museum, eine Korbstadtkönigin und ein Innovationszentrum zeugen davon, wie sehr die Tradition der Korbflechter aufrecht erhalten wird. Das Schulgebäude an der Kronauer Straße, in dem sich noch heute die Korbfachschule befindet, wurde 109/10 erbaut.

Gerade einmal sechs Werkzeuge benötigt er. Die Hände sind sein wichtigstes Werkzeug. Maschinen können die Handarbeit nicht ersetzen. Der würzige Geruch von Weiden liegt in der Luft. Die Rede ist von einem Korbflechter. Korbflechter benötigen nur Zollstock, Schere, Messer, Schlageisen, eine Art Dorn, genannt Pfriem, und einen Ausstecher (ein spezielles Messer mit breiter Spitze) für ihr Handwerk. Das wichtigste sind und bleiben jedoch die Hände. Korbflechten ist reine Handarbeit, es gibt keine Maschinen, die die Arbeit in der selben Qualität wie Menschen verrichten können. Weidenzweige sind unregelmäßig und können an manchen Stellen brechen – dies können Maschinen aber kaum feststellen. Geflochten werden kann nur mit der Hand, auch wenn heutzutage Geflochtenes zu Billigstpreisen eine Industrieherstellung vermuten lässt. Doch auch billige Angebote werden von Hand gefertigt, den Unterschied machen die Qualität des Materials und die Zeitersparnis bei der Produktion aus, was sich letztendlich auf die Qualität des fertigen Korbes niederschlägt. Außerdem wird häufig in Billiglohnländern produziert. Lediglich geflochtene Sitzflächen werden industriell gefertigt.

Doch auch wenn der Beruf nur sechs Werkzeuge verlangt und das Flechten so einfach aussieht: es ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Die Fäden müssen nicht nur um die Querstreben geflochten werden, es geht auch darum die Querstreben zu steuern: Zug, Druck, Ausrichtung, links, rechts – das braucht Konzentration, damit das Resultat nicht krumm und schief wird. Der Beruf erfordert Geduld und Genauigkeit; ein seltenes Gut in der heutigen Zeit. Auszubildende lernen während ihrer Zeit in Lichtenfelds die verschiedenen Flechtarten und das Spektrum an Materialien kennen. Doch der Beruf des Korbflechters ist nicht nur auf das reine Flechten von Körben beschränkt. Der Arbeitsalltag in der Flechtwerkstatt beginnt oft mit der Vorbereitung der Naturmaterialien: Weidenruten müssen geschält, getrocknet, und gespleißt werden, bevor sie auf eine einheitliche Länge gekürzt werden. Bevor sie verarbeitet werden können, müssen die Ruten im Wasserbad eingeweicht werden, damit sie weich und biegsam werden. Auch den Händen merkt man die echte Handarbeit an, sie sind oft trocken und zerstochen.

Aber der Beruf verlangt noch mehr als handwerkliches Geschick. Ein Korbflechter benötigt viel Kreativität und ein räumliches Vorstellungsvermögen. Korbflechter sind immer auf der Suche nach neuen Designs und Formen. Von den klassischen Körben kann man heute eigentlich nicht mehr leben. Stattdessen gilt es, mit neuen Farben, Formen, Mustern und Materialien zu experimentieren. Daher heißt der Beruf seit 2006 auch nicht mehr Korbmacher oder Korbflechter, sondern Flechtwerkgestalter. Der Beruf ist eben nicht nur reines Handwerk, sondern auch ein Stück weit auch Kunst. Schon Auszubildende entwicklen in der Berufsschule in Lichtenfelds ihre eigenen Designs und Formen. Zudem muss sich ein Flechtwerkgestalter auf die speziellen Geschmäcker und Wünsche der Kunden einlassen können.

Doch der Beruf ist kein Selbstläufer. Zum einen ist der Einrichtungsstil heute – anders als zum Beispiel in den neunziger Jahren – von kühlen Materialien, wie Glas oder Edelstahl, und von klaren Formen dominiert. Korbflechter müssen auch das passende Publikum finden, Leute, die traditionelles Handwerk noch zu schätzen wissen: Seit dem Massenaufkommen von Plastik zu Beginn der 1950er Jahre werden viele Einkäufe in Tüten und nicht mehr in Körben transportiert. Des weiteren ist viel Kreativität gefragt, um der Billigkonkurrenz aus Asien etwas entgegensetzten zu können. So sind es heute oft nur noch diejenigen, die mit ausländischen Waren handeln, anstatt die Körbe selber herzustellen, die angemessene Verdienste erzielen. Ein echter Korbflechter muss heute sein Auskommen suchen: Der Korbmacher Stefan Rippten zum Beispiel, der letzte hauptberufliche Korbflechter in Sand am Main, arbeitet 10 bis 14 Stunden am Tag – auch samstags – um sein Auskommen zu verdienen. Jeden Sonntag fährt er auf Märkte. Für einen Einkaufskorb braucht er durchschnittlich drei Stunden und kann ihn für 50 bis 60 Euro verkaufen. Echte Korbflechter werden heutzutage nie mittelständische Firmen betreiben können. Es bleibt echtes Handwerk.

Die Geschichte des Kunsthandwerks ist geprägt von Höhen und Tiefen, kämpfte sich einst zu einem ernstzunehmenden Industriezweig empor und stürzte durch äußere Einflüsse zu einem aussterbenden Beruf ab – innerhalb von 100 Jahren. Die Zahl der Betriebe beziehungsweise aktiven Korbmacher ist rückläufig. Die Korbflechter Innung Baden-Württemberg mit Sitz in Freiburg zählt beispielsweise nur noch knapp zwei Dutzend Vollmitglieder. Betriebe mit einem breiten Produktspektrum, wie die Korbflechterei Witt, gibt es nur noch wenige; viele Korbflechter sind, ohne Mitglied in der Innung zu sein, als Einzelkämpfer auf Märkten und Messen unterwegs und oft stark spezialisiert. Lehrbetriebe für die duale Ausbildung gibt es heute nicht mehr. Früher waren die Betreibe stark spezialisiert, stellten zum Beispiel nur Wäschekörbe her, geflochten wurde dann auch im Akkord in Großbetrieben. Heute müssen Korbflecherbetriebe wie die Korbflechterei Witt vielfältiger sein.

Uns ist es eine Herzensangelegenheit, dieses alte aber auch beschwerliche Kunsthandwerk zu unterstützen, das 2017 in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde. Daher bieten wir geflochtene Liegewannen an, die Korbflechter Bernd Witzgall für uns in Lichtenfels herstellt. Zudem ist ein handgeflochtener Korb zu 100 Prozent ein Naturprodukt, das weder Abgase noch Müll produziert. Somit passt die Korbwanne auch zu unseren Ansprüchen an einen nachhaltigen Kinderwagen.

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